I. Yellowstone


Meine Musik steht für mich fast immer in Verbindung mit Orten, und die Inspiration für dieses Werk verdanke ich dem majestätischsten Ort, den ich kenne - dem Yellowstone Nationalpark. Obwohl es sich im strengen Sinn nicht um Programmmusik handelt, spiegeln die Klänge und Melodien meine Zeit und meine Erfahrungen im Nationalpark wider. Nicht alle Orte inspirieren mich musikalisch, aber es gibt keinen anderen Platz, der mich als Komponisten so intensiv angesprochen hat wie Yellowstone.

Ich begann mit dem Werk 1995, während meines ersten Aufenthalts im Nationalpark, dem noch viele folgen sollten. Als ich den Nationalpark das erste Mal betrat, war ich vom Anblick so überwältigt, dass ich überhaupt nicht an Musik dachte, aber nach einer Weile begann ich, vage Klänge und Melodien zu vernehmen. Sie waren zwar noch ziemlich unklar, aber allmählich hörte ich gewisse Grundzüge heraus. Sie setzten sich aus Tierstimmen und Indianergesängen zusammen, was auch keineswegs verwunderlich ist, wenn man an die früheren und jetzigen Bewohner von Yellowstone denkt.

Die Eingebung für dieses Stück hatte ich bei meinem ersten Besuch. Dieser Augenblick war wie eine Offenbarung. Auf dem Weg von Mammoth Hot Springs nach Madison Junction gelangte ich über den Goldengate Pass zu den Swan Lake Flats, als vor mir plötzlich Electric Peak aufragte, der beeindruckendste Berg, den ich je erblickt hatte. Diese Begegnung kam einer religiösen Erfahrung gleich, und mir war augenblicklich klar, dass ich dieses Stück komponieren würde. Ich fuhr auf einen Parkplatz und saß regungslos da, zutiefst ergriffen von dieser unfassbaren Schönheit. Erst mit der Zeit bemerkte ich einen kleinen Lieferwagen mit einem Pferdeanhänger auf dem danebenliegenden Parkplatz, und in mir reifte ein zweiter Plan. Ich wusste zwar nicht genau wie, aber mir war klar, dass ich einmal auf einem Pferd im Schatten dieses Berges reiten würde. (Zum besseren Verständnis sollte ich vielleicht sagen, dass ich aus einer alten Cowboy-Familie stamme.)

Ich begann mit dem Werk, als ich nach Hause kam, aber ich war nicht sehr produktiv. Nachdem ich mehrere Monate lang einfach nicht vorangekommen war, legte ich das Stück beiseite und ging nach Kentucky, um mit einem Studium zur Erlangung eines Doktortitels zu beginnen. Es sollten zwei Jahre vergehen, bis ich mich wieder voll auf die Komposition konzentrierte, und es dauerte mehr als ein Jahr, bis mir bewusst wurde, dass es ein Stück für Violine werden würde. Ursprünglich wollte ich eine Tondichtung für Orchester komponieren. Die Violine war mir nie in den Sinn gekommen, und als ich dann doch an sie dachte, geschah es eher auf ironische Weise.

Etwa zu jener Zeit war ich gerade vollkommen fasziniert von Anne-Sophie Mutters Aufnahme des Sibelius-Violinkonzerts. Obwohl ich schon seit mehr als zehn Jahren ein Liebhaber der Aufnahmen mit Anne-Sophie Mutter gewesen war, stellte diese Aufnahme alles Bisherige in den Schatten. Wie es der Zufall wollte, ist Dunraven Pass, einer meiner Lieblingsorte in Yellowstone, nach demselben Mann benannt wie die Violine von Anne-Sophie Mutter, nach Windham Thomas Wyndham-Quin, dem 4. Grafen von Dunraven, und das brachte mich auf den Gedanken. Die Violine war das ideale Instrument, um die Klänge, die ich mit Yellowstone verband, zu ergründen. Mit ihr ist es möglich, die ungetrübte Schönheit, aber gleichzeitig auch die gnadenlose Unerbittlichkeit von Yellowstone auszudrücken. Deshalb beschloss ich, ein Violinkonzert zu komponieren und es Frau Mutter zu widmen.

Wie durch eine Fügung des Schicksals erhielt ich im Herbst 1998 einen Lehrauftrag für ein Semester an der staatlichen Universität von Idaho, die etwa zweieinhalb Stunden von Yellowstone entfernt ist. Ich verbrachte fast jedes Wochenende im Nationalpark, und allmählich begann das Stück Gestalt anzunehmen. Noch vor Semesterende hatte ich einen Großteil des Stücks komponiert. Ich hatte auch Arbeit für den darauf folgenden Sommer als Führer von Pferdetouren durch den Yellowstone Nationalpark gefunden. Im Frühling kehrte ich nach Missouri zurück und ritt ein zwei Jahre altes Fohlen mit dem Namen Jitterbug zu, und Ende April machten Jitter und ich uns auf den Weg nach Yellowstone. In den nächsten fünf Monaten ritten wir etwa 2.000 km durch den 8.950 km2 großen Yellowstone Nationalpark.

Dieses Stück ist die Vertonung meiner gesamten Erfahrungen im Yellowstone Nationalpark. Es bringt meine tiefgründigsten und innigsten Gefühle und Gedanken über diesen heiligen Ort zum Ausdruck. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, diese Gedanken und Gefühle richtig zu vermitteln, aber ich hoffe aufrichtig, dass ich dem Zuhörer zumindest einen kleinen Einblick in diesen ăGarten Eden ohne den bewussten Baum" gewährt habe.

Übersetzung von Reinhard Rauch

Auszüge aus jedem Satz (MP3)

Yellowstone | Dunraven | Hoodoos

Gesamter Inhalt ©2000 Jett Hitt. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Informationen erhalten Sie unter salesinfo@yellowstonewilderness.com